Kurzalmanach zur mittelfränkischen Mundart
Allgemeine Einführung und Vorbemerkungen
Obwohl die mittelfränkische Mundart nicht nur geographisch irgendwo zwischen dem bajuwarischen, dem hessischen und
dem sächsischen Sprachraum angesiedelt ist, verfügt sie doch über eine Reihe von Redewendungen und Vokabeln,
die Geübten der drei genannten Sprachfamilien nicht ohne weiteres mächtig zu sein zugemutet werden kann.
Dieser Kurzalmanach soll einen kurzen, zaghaften Einstieg in die ortansässigen Eingeborenenkommunikationsformen
gewähren, der es dem Laien und blutigen Anfänger gestatten sollte, selbst darüber zu entscheiden, ob ein
eingehenderes Studium ratsam zu sein erscheint.
Unfreiwillig Lernenden sollen diese Seiten einen gewissen Aufschluß über die bislang als unergründlich
geltenden Ausdrucksformen des mittelfränkischen Eingeborenen geben. Bislang sind zwar keine Erfahrungen über
Sinn oder Unsinn dieses kurzen Sprachüberblicks wiederzugeben möglich, weil es an einer entsprechenden Anzahl
Karnickel fehlt, die sich - mehr oder minder freiwillig - dem Kurs unterziehen, aber der Autor ist froher Hoffnung, das
eine oder andere Rätsel hiermit bei vergleichsweise geringem Aufwand zu lösen.
Was aus Gründen der Aussichtslosigkeit von vornherein nie Gegenstand dieser Präsentation war, ist die
mittelfränkische Grammatik. Dem Hörensagen nach soll ein entsprechender Versuch der Darstellung dahingehend
gescheitert sein, daß das Manuskript den Umfang des Stadtarchivs gesprengt hätte, soweit es
vervollständigt worden wäre (bei kleiner Handschrift). Diese Kunde stammt allerdings noch aus der Zeit, bevor
die »Nürnberger Kulturmeile« (böse Zungen behaupten, sie wäre mittlerweile auf einer Länge
von etwa hundert Metern bereits in Planung genommen worden) in Auftrag gegeben worden ist - ob allerdings eine Sammlung der
Grammatik der Eingeborenen tatsächlich Aussicht auf Herberge hätte, darf bezweifelt werden; immerhin besteht sie
im wesentlichen aus einem Koloß an Ausnahmen, garniert mit ein paar zusätzlichen Fällen, die aus
Gründen verschiedener Ausspracheformen notwendig wären (wobei allerdings auch zu ergänzen wäre,
daß ein Großteil besagter Ausnahmen zwischenzeitlich vom Schlund des Vergessens aufgesogen wurden - Aussagen
wie Ey, Alter, haste mal ne Maak waren durch den Zuzug Auswärtiger wenigstens zeitweise gewohnte Worte
im Nürnberger Stadtleben).
Beim Erstellen dieses Kurzalmanachs stieß der Autor jedenfalls früh auf mannigfaltige Probleme:
- Das für die mittelfränkische Zunge typische »L«, bei dessen Aussprache die Zungenspitze
traditionell über den Rand der oberen Schneidezähne (oder den Ort, an dem sich dieselben dereinst
befunden haben sollten) hinaussteht, ist nicht das einzige. Eine Kennzeichnung des typisch fränkischen
»L« gegenüber dem gewöhnlichen »L« erfolgte bislang nicht, da dem Autoren die
Buchstaben ausgingen; auf die Verwendung des im mittelfränkischen nicht benutzten »K« zu diesem
Behufe wurde aus Gründen der Verständlichkeit und Lesbarkeit verzichtet.
- Diphtonge wurden grundsätzlich gemäß ihrer Aussprache wiedergegeben. Der Autor möchte damit
sicherstellen, daß der Diphtong »ei« nicht mit dem hochdeutschen »ei« verwechselt
wird. Dies wird zwar auf die Dauer anstrengend, weil gewöhnungsbedürftig, vermeidet aber
nicht auszuschließende Bedeutungsänderungen (Bsp.: dej - gesprochen wie hochdeutsch
deï - bedeutet u. a. diese dort, während daj - gesprochen wie
hochdeutsch dei - die Übersetzung dein, deine zukommt). Doppelkonsonanten
müssen nicht zwangsläufig zu einer Verkürzung der Aussprache des vorausgehenden Vokals
führen, sondern dienen in der Regel der Kennzeichnung der betonten Silbe. Ausnahme: Beispielsweise
»ngg«. Diese Buchstabenkombination sollte wie ein verschlucktes »G« mit nachfolgendem,
nicht verschlucktem »G« gesprochen werden (etwa wie im Wort entlang, wenn man das
»G« am Ende zärtlich nachhaucht). Bei der Kombination »gng« dreht sich die
Lautreihenfolge dem entsprechend um.
- Der Konsonant »K« stellte den Autoren vor ein besonderes Problem. Dem gewohnten und damit entsprechend
sensibilisierten mittelfränkischen Ohr erscheinen die Konsonanten »G« und »K« wie
zwei völlig unterschiedliche Laute, während dem von der harten Aussprache verrohten Gehör des
hochdeutsch sprechenden Mitmenschen beide Laute gleich erschienen dürften. Dieser
ausgesprochen verfahrenen Situation entsprach der Autor durch die Schreibweise »gh« anstelle von
»k«, um diesem Unterschied Rechnung zu tragen. Analoges gilt für die Buchstaben »dh«;
»Buddhä« ist dem entsprechend das mittelfränkische Wort für »Butter«.
- (besonders beim Vokabular) Es gibt regionale Unterschiede im Sprachgebrauch des eingeborenen Mittelfranken.
Offenkundig wird dies bei der Verwendung des mundartlichen Ausdrucks für einige junge Damen. Beispiele:
- Madla: Nürnberg-Süd
- Madle: Nürnberg-Nord
- Madli: Fürth mit Hinterland
Bei einem derartigen Sprachgedrängel sah sich der Autor außerstande, auf alle örtlichen
Details einzugehen; er beschränkte sich daher (Schuster, bleib bei deinen Leisten) auf die
ihm geläufigen Mundarten der Stadtgebiete Nürnbergs und Fürths. Anregungen von Mitbewohnern aus
nahegelegenen anderen Ortschaften werden allerdings jederzeit gerne entgegengenommen (und in dringenden
Fällen auch verwurstet). Bis auf weiteres gelten daher folgende regionale Abkürzungen:
- nbg: Nürnberg
- fth: Fürth mit Hinterland
- Der Selbstlaut, der sich klangtechnisch zwischen »A« und »O« ansiedelt, wurde in dieser
Sammlung mit »Å« (einem »A« mit einem Kringel mit einem Aussehen wie einem
»O« darüber) bedacht. Etwas kniffliger war die Situation bei dem Laut, der sich zwischen
»Ä« und »A« ansiedelt. Ähnlich wie im Hochdeutschen ist auch im
Mittelfränkischen eine Abgrenzung praktisch unmöglich (oder kennen Sie jemanden, der
»Bauer« am Ende tatsächlich wie »Er« ausspricht? Ich höre sowas eigentlich nur
dann, wenn ein Altnürnberger verzweifelt versucht, Hochdeutsch abzusondern, was im Regelfall nur noch
peinlich klingt - bestes Beispiel war der vormalige Oberbürgermeister Dr. Peter Schönlein, dessen
Versuche, Englisch zu sprechen, noch heute Magenkrämpfe beim Autoren auslösen). Im Zweifelsfalle
wurde daher - mehr oder minder willkürlich - eine der beiden möglichen Varianten verwandt.
Der Autor legt Wert auf die Feststellung, daß er der wohl ewigen Rivalität zwischen den Einwohnern der
Städte Nürnberg und Fürth keineswegs Rechnung zu tragen gewillt ist. Vielmehr legt der Autor Wert auf die
Feststellung, daß er diesen Streit für veraltet und albern hält. Der Autor legt - unabhängig vom
Wahrheitsgehalt - keinen Wert auf die Feststellung, daß er in dieser Gegend unter Eingeborenen deswegen
einsam ist.
Michael Wapp; zuletzt herumgefummelt:
17. Juli 2002